Spezielle Therapien
Sprachtherapie bei geistiger Behinderung
Die Therapie bei Menschen mit geistiger Behinderung ist sehr vielfältig. Aufgrund ihrer Behinderung kommt es zu Beeinträchtigungen in ganz unterschiedlichen Bereichen. Insofern muss sich die Therapie sehr individuell nach den Bedürfnissen der Patienten richten. Die Förderung ist oft langfristig angelegt und kann das Kind und die Familie über mehrere Jahre begleiten.
Entsprechend sind die therapeutischen Maßnahmen oft sehr umfangreich. Sie können sich einerseits auf die Förderung des Sprachverständnisses, den Aufbau und die Erweiterung des Wortschatzes sowie der grammatischen Kompetenzen beziehen. Andererseits ist auch die Unterstützung des Schluckens, der Mundmotorik, der Artikulation, der Atmung und die Stimmbildung oftmals notwendig.
Falls der Patient keine Lautsprache entwickeln kann, ist es unbedingt erforderlich mit ihm Kommunikationsinstrumente zu entwickeln, die es ihm ermöglichen, verstanden zu werden und sich selbst auszudrücken. Hier kommen Hilfsmittel aus der unterstützten Kommunikation zum Einsatz. Mit Hilfe von Gesten oder einem Talker kann Kommunikation ermöglicht und zum wichtigen Bestandteil des täglichen Lebens werden.
Unterstützte Kommunikation (UK)
Mit Hilfe der Unterstützten Kommunikation können Menschen, die wenig oder gar nicht in der Lage sind zu sprechen, so gefördert werden, dass sie sich mitteilen und ihre Bedürfnisse äußern können.
Der Einsatz von technischen Hilfsmitteln, bspw. eines Computers oder Tablets, kann es ihnen ermöglichen auch ohne Lautsprache mit ihrer Umwelt in Kontakt zu treten.
Dabei gilt der Grundsatz, dass es für jeden Menschen ein Mittel der Kommunikation gibt. Es muss also nicht eine bestimmte Entwicklungsstufe erreicht werden, um den Einsatz von UK zu rechtfertigen. Auch Schwerstbetroffene können davon profitieren.
Der Einsatz einer Maßnahme aus der Unterstützten Kommunikation kann sowohl vorübergehend sein, um z.B den Spracherwerb zu fördern oder eine langfristige Hilfe im Alltag darstellen.
Wichtig ist dabei, dass die Lautsprache auf keinen Fall ausgeklammert werden soll. Im Gegenteil – zahlreiche Studien konnten belegen, das der frühe Einsatz von Gesten und Gebärden die Entwicklung der Lautsprache positiv beeinflußt.
Das Heidelberger Elterntraining (HET)
Das Heidelberger Elterntraining ist ein Programm zur frühen Sprachförderung und richtet sich an Eltern von zwei- bis dreijährigen Kindern, die eine abweichende und deutlich verzögerte Sprachentwicklung haben (link late talker).
Ziel ist es, durch die Schulung der Eltern als engste Bezugspersonen das Kind in seinem Spracherwerb optimal zu unterstützen und Fehlverhalten zu vermeiden.
Die Eltern werden in kleinen Gruppen von fünf bis zehn Personen in sieben Sitzungen darin geschult, wie sie einerseits im Alltag die Sprache ihres Kindes anregen können und andererseits Situationen gezielt gestalten, um den kindlichen Spracherwerb zu fördern.
Die Gruppensitzungen beinhalten folgende Themen:
- Ursachen der verzögerten Sprachentwicklung
- Sprachförderliche Grundhaltung
- Anschauen von Bilderbüchern
- Bedeutung des gemeinsamen Spiels
- Optimierung des Sprachangebotes im Alltag
- Sprechspiele wie Fingerspiele, Verse, Lieder und Reime
Das HET ist validiert und hat nachweislich positive Effekte auf die Sprachentwicklung von dreijährigen Kindern.
Das Castillo-Morales-Konzept und das Konzept von J.Brondo (NMK)
Das Konzept zur Therapie orofazialer Störungen von Castillo Morales und der neuromotorischen Kontrolle von Dr.med. Brando wurde von den beiden Rehabilitationsärzten zusammen in Argentinien entwickelt. Obwohl jeder Ansatz mittlerweile eigene Schwerpunkte setzt, bieten beide ein umfassendes neurophysiologisch orientiertes Therapiekonzept für Kinder und Erwachsene mit sensomotorischen Problemen und orofazielen Störungen.
Es dient dazu, mit Hilfe spezieller manueller Techniken komplexe Bewegungsabläufe wie Saugen, Schlucken, Kauen und Sprechen anzuregen und zu verbessern.
Mit dieser Therapie können Kinder als auch Erwachsene mit sensomotorischen Störungen im Gesicht-,Mund- und Rachenbereich behandelt werden.
Sowohl saugschwache Frühchen, Kinder mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, Kinder mit Down Syndrom als auch Erwachsene mit erworbener Fazialisparese, Dysphagie, nach Schlaganfällen und mit anderen neurologischen Erkrankungen profitieren von dem ganzheitlichen Therapiekonzept.
Bei Kindern wird eine verbesserte Wahrnehmungsentwicklung und die Koordination der sensomotorischen Entwicklung angestrebt. Aber auch erwachsene Patienten können Bewegungsabläufe verbessern und wichtige Funktionen wiedererlangen. Grundsätzlich ist es wichtig, dass in der Therapie negative Kompensationen abgebaut werden.
Zusätzliche Therapieangebote
Cervico-Cranio-Oro-Faciale Dysfunktionen werden dank Zusatzqualifikationen bei Kindern und Säuglingen behandelt. Frühgeborene oder Kinder mit genetischen Syndromen, mit muskulärer Hypertonie, mit zentralmotorischen Störungen und/oder Mehrfachbehinderungen sowie Störungen im Bereich des Gesichtes, des Mundes und des Rachens, brauchen diese besondere Therapie. So sind sie bald in der Lage, leichter Nahrung zu sich nehmen zu können, den Mundschluss zu erreichen oder ihre Zunge an die richtige Position im Mund zu bekommen. Ihr ganzes Erscheinungsbild wird durch die Therapie verbessert, sie fangen an, nicht mehr so stark zu speicheln, erlernen das Sprechen und die Eltern erleben eine große Verbesserung in der kindlichen Entwicklung, was den Alltag leichter macht. Das Kind erlebt durch die Behandlung einen Schub in seiner Entwicklung, wird aufmerksamer, offener, motivierter, nimmt seine Umwelt besser auf und wird fähig zur Kommunikation.
Siehe auch: Castillo-Morales-Vereinigung
Diese therapeutische Maßnahme bezweckt eine Erweiterung der kommunikativen Möglichkeiten bei Menschen die gar nicht, kaum oder nur sehr schlecht kommunizieren können. Als Zielgruppe sind hier Kinder und Jugendliche angesprochen, die zwar ein gemäßigtes Sprachverständnis besitzen, aber aufgrund einer angeborenen oder erworbenen Behinderung so stark eingeschränkt sind, dass sie auf Hilfe angewiesen sind, um sich verständlich machen zu können. Wir arbeiten mit Gebärden (GUK Karten), elektronischer Hilfe wie der Alpha Talker, Kommunikationstafeln und Lautsprachtherapien.
Unter selektivem Mutismus versteht man eine Kommunikationsstörung. Kinder oder auch Erwachsene können unter bestimmten Bedingungen «Nicht-Sprechen», in einer sicheren Umgebung/Kontext aber fehlerfrei reden. Das besondere Kommunikationsverhalten wird in der Regel erst ab etwa 3 Jahren festgestellt, wenn das Kind anfängt außerhalb der Familie nicht angemessen zu kommunizieren, obwohl die eigentliche Sprachentwicklung im Bereich Aussprache, Grammatik und Wortschatz altersgemäß entwickelt ist.
Die ganze Entwicklung (sprachliche, kognitive, soziale und emotionale) ist vom mutistischen Verhalten betroffen. Der Patient leidet unter Sozialangst, seelischem Rückzug oder Widerstand gegen andere oder unter einer depressiven Stimmungslage. Er hat Schwierigkeiten in der Schule, der Ausbildung oder im Beruf und wird teilweise von anderen Leuten gemieden.
Da die Kinder mit Mutismus leichter zu ignorieren sind als hyperaktive oder lernbehinderte Kinder, wird selten richtig diagnostiziert oder überhaupt bemerkt, dass eine Störung vorliegt. Von den Eltern werden Kinder mit Mutismus oft als schüchtern oder lustlos begriffen. Im Umfeld der Eltern, der Geschwister und enger Freunde reden die Betroffenen ganz normal und gelöst, sobald jedoch auch nur der Verdacht besteht, dass jemand anderes mithört, oder nur ein Dritter sieht, dass der Mund bewegt wird, verfällt der Mutist wieder ins Schweigen.
Da Mutismus eine Kommunikationsstörung ist und in der Interaktion mit anderen Menschen auftritt, leiden auch die Kommunikationspartner unter dem Schweigen. Man kann Mutisten nicht zum Reden fordern, denn das «zwingt» sie, immer stiller zu werden.
Man kann Mutismus aber behandeln/therapieren.
Siehe auch: StillLeben Hannover e.V.